Freitag, 6. Juli 2012

Vom über den Kopf wachsen und Beruhigen

Der Sommer in diesem Jahr ist warm aber nass. Das scheinen manche Pflanzen zu mögen, während andere schlapp und deprimiert ihre Ärmchen und Köpfchen hängen lassen. Ich kann das verstehen, etwas mehr Beständigkeit und Zuverlässigkeit seitens des Wetters täten jedem Gemüt gut.
Aber manche scheinen das alles sehr zu lieben. Unkraut zum Beispiel. Wobei ich das gerade ganz hübsch finde, denn am besten wächst dieses schaumig blättrige Gekräusel, dessen Namen ich gar nicht kenne. Das werde ich auch beizeiten mal googeln müssen...

Das Unkraut also geniesst Regen und unsere Abwesenheit.
Und wächst mit meiner Unsicherheit was nun zu tun ist. Was meine Aufgabe ist, was von mir erwartet wird. Also was ich von mir selbst erwarte und was die Gärtner in den anderen Gärten drumherum erwarten KÖNNTEN.

Ich lasse mich oft schnell und leicht verunsichern. Aber genau so schnell und sicher suche und finde ich dann wieder einen Halt.
Und so habe ich mir ein wohl wundervolles Buch von einer wohl wundervollen Gärtnerin gekauft: Alys Fowler.

Sie ist ein langsam lebender Mensch, sie hat Langsamkeit und Muße zu ihrer Maxime gemacht. Gelassenheit ist es, was schönes Leben und Gärtnern ausmacht. Beides ist ein Prozess, und nicht Etwas, was man fertig kauft, fertig bekommt oder was überhaupt fertig wird.

Das habe ich in der Einleitung gelesen und das Buch erst einmal mit einem erleichterten Seufzer beiseite gelegt. Denn dieser Rat ist erst einmal alles was ich brauchte und den beherzige ich auch bezüglich dieses Buches. Denn ich glaube, ich habe in den letzten Wochen zu viele Gartenbücher gelesen um noch irgendwie zu wissen, was zu tun ist...

Denn vor dem Projekt Garten hat noch ein viel größeres gerade Priorität. Edi.
Ihre Schwierigkeit, mit Reizen umzugehen, ihre Unsicherheit mit einem zu Viel und zu Vielen. Ihre große Angst an Strassen und Plätzen mit Kindern und Gewusel zu sein und unsere Unsicherheit, wie wir damit umzugehen haben um ihr die Sicherheit zu geben die sie braucht und die Verantwortung zu nehmen, uns oder sich selbst zu schützen die sie überfordert und belastet.

Da lese und lerne ich im Moment am meisten und auch hier war es ein zu Viel an Ratschlägen und Lektüre die mich erst vollkommen blockiert haben. Wir waren auf Seminaren, hatten eine sehr gute Hundetrainerin bei uns und nun gehe ich langsame Schritte, die für mich und so auch für Edi nicht überfordernd sind. Die Fortschritte sind für andere vielleicht klein, für mich aber jetzt schon so groß, dass sie mich motivieren und beruhigen.
Es bedeutet zwar viel Umstellung, da Edi nicht mehr einfach mitgenommen werden kann und auch die Wege in den Garten sind länger, da ich große Strassen meide und auch die Zeiten abpassen muss an denen möglichst wenig los ist.

Wenn wir dann im Garten angekommen sind und sich die kleine Gartenpforte hinter uns schliesst, ist erst einmal alles gut. Edi verschwindet in den Sträuchern und man hört mal hier und da ein grunzendes Schnauben. Die Blätter wackeln und dann kommt sie hervor geschossen, fliegt über die Beete und ist in ihrem Element. Sie wühlt und erschnüffelt, findet ihren geliebten Ball und fühlt sich vollkommen sicher und gut. Sie bellt nicht mehr so viel und die Nachbarn rechts und links vom Grundstück werden sehr freudig und neugierig begrüßt, denn entweder wird der blaue Ball über den kleinen Zaun geworfen oder es gibt eine halbe Tüte mit Frolic-Stangen auf einmal.

Und wenn fremde Menschen sich zu ihr herunter beugen, dann verstehe ich jetzt, wie bedrohlich diese Geste für Edi und auch andere Hunde ist. Der frontale Blickkontakt, die sich über sie beugende Haltung, die nach hinten gezogenen Lefzen mit denen wir Menschen Lächeln und Zähne zeigen. Vielleicht sogar das Greifen nach ihrem Kopf um sie zu tätscheln. All diese Menschen wollen den süßen kleinen Dackel beruhigen, ihn begrüßen und sein Herz gewinnen und verunsichern Edi dabei und lassen sie ganz garstig bellen und ihren Raum verteidigen. Ich habe aufgehört, Edi dann noch zu tadeln und zu viel mit ihr zu reden. Ich rufe sie kurz ab und bitte die Menschen, sie erst einmal zu ignorieren. Irgendwann ist die Zeit, wenn Edi Freundschaft schliessen möchte, dann wird sie wedeln und kann auch wild umarmt und geknuddelt werden, was ganz und gar gar nicht in der Natur der Hunde liegt. Aber sie hat gelernt, dass wir Menschen das gerne tun, untereinander und darum macht sie bei Menschen denen sie vertraut auch gerne wild mit. Aber dieses Vertrauen, das muss erst einmal aufgebaut werden. Und dafür nehmen wir uns jetzt ganz viel Zeit.

So wie für den Garten. Und auch für diesen blog, der mit unvorhersehbarer Unregelmäßigkeit bestückt werden wird. Mal mehr, mal weniger. Ganz nach meiner Lust, Laune und Geschwindigkeit.